Tobias Siebel

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Interview

Kann Verbundenheit unsere Wirtschaft stärken?

Ein Gespräch über das kleine Wort „und“, über Marken als Beziehungsgeschehen und darüber, was Kirche und Wirtschaft voneinander lernen können.

Tobias Siebel bewegt sich zwischen Theologie, Unternehmensberatung und Unternehmertum. Was auf den ersten Blick nach Gegensätzen klingt, folgt bei ihm einer klaren Logik: Dinge zusammenzubringen, die oft getrennt gedacht werden. Im Zentrum steht dabei eine Frage, die Wirtschaft, Kirche und Gesellschaft gleichermaßen betrifft: Wie kann echte Verbundenheit entstehen?

Tobias, du bist als Theologe und Germanist in der Unternehmensberatung tätig: Wie passt das für dich zusammen?

Theologie und Wirtschaft sind keine Gegensätze. Im Schöpfungsbericht heißt es: Gott schuf Himmel und Erde. Dieses kleine Wort „und“ fasziniert mich. Es trennt zwei Welten und verbindet sie zugleich, es setzt Dinge in Beziehung. Es kann eine Grenze markieren und diese Grenze auch wieder aufheben. Links und rechts vom „und“ stehen zwei Subjekte, die sich lieben. Sie werden in gewisser Weise eins in der Liebe und doch bleibt jedes Subjekt für sich stehen. Das ist das Geheimnisvolle an Beziehungen.

Bei Themen wie Wirtschaft, Sinn und Ethik ist das im Grunde genommen genauso. Man muss schauen: Wo denken wir sie zusammen und wo brauchen wir dennoch eine gewisse Trennung. Wir gewinnen schon viel, wenn wir diese Dinge in Resonanz bringen. Da gibt es eine Dynamik, etwas Prozessuales. Und immer dort, wo suggeriert wird, wir hätten bereits eine perfekte Verbindung erreicht, wäre ich vorsichtig.

Braucht die Wirtschaft mehr Sinn und Sinnlichkeit?

Ich glaube, wir sollten uns in der Wirtschaft darauf konzentrieren, dass das, was wir tun, sinnvoll ist, und den Sinn, der in der Regel schon da ist, freilegen. Wir müssen ihn von dem trennen, was nicht auf den Kern eines Unternehmens einzahlt und was für Frustration und Energieverlust sorgt. Wer sich auf den Sinn konzentriert, schafft am Ende auch sinnvollere Produkte und Begegnungen. Das ist eine Bewegung, die sich selbst nährt. Da gibt es einen Kreislauf. Ohne Sinn und Sinnlichkeit wird es schwer, die Seele der Wirtschaft am Leben zu halten.

Ist dir das Thema Verbundenheit schon immer wichtig gewesen?

Es gibt in der Bibel mehrere Bilder von Verbundenheit, die ich schön finde. Gott selbst kommt zum Beispiel als Mensch auf die Erde und verbindet sich mit seiner Schöpfung. Das feiern wir an Weihnachten. Oder es ist die Rede davon, dass der Löwe und das Lamm in der Ewigkeit einmal nebeneinander liegen werden. Das ist Ausdruck von echtem Frieden und tiefer Verbundenheit, die den Einzelnen aber sein lässt, wie er ist.

Wir alle kennen Spannungen im Unternehmen, in der Familie. Gerade in den intensivsten Beziehungen entstehen die tiefsten Verletzungen. Im Nahbereich verletzen wir uns und erleben genau das Gegenteil von Verbundenheit, nämlich Bruch und Zerwürfnisse. Mich interessiert: Wie entsteht Verbundenheit? Wie kann Verbundenheit wirklich funktionieren?

Jesus selbst sagt einen verstörenden Satz: „Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.“ Er meint kein Schwert aus Stahl. Er meint die schmerzhafte Klarheit, die uns von Bindungen löst, die uns kleinmachen. Dieses Paradox finde ich auch für Unternehmen relevant.

Du bist selbst Unternehmer. Bei deiner Möbelmarke ADORY ist Verbundenheit eine Art Leitmotiv. Was bedeutet das konkret?

ADORY hat den Claim „better together“. Darin steckt schon die Verbundenheit. Unsere ersten Produkte sind Tische. Sie sind Symbole der Verbundenheit. Die Frage ist: Wie können wir mit unseren Mitmenschen in Beziehungen kommen? Wie können wir echten Austausch ermöglichen? Im Marketing sind sonst oft nur Botschaften wichtig, die den Menschen sagen, wie einzigartig und besonders sie sind. Vor allem in Zeiten von KI kann ein Tisch, der Menschen zusammenhält und verbindet, wieder sehr relevant werden.

Das ist Teil unserer Markenphilosophie: die Verbundenheit zu zelebrieren, sowohl in der Materialität als auch in der Emotionalität. Wir überlegen, aus nur einer Keramikplatte mehrere Möbelstücke zu machen, die zeitlos und hochwertig sind. Die du später einmal deinen Kindern übergeben kannst. So sind Menschen durch diese Keramikplatte ganz konkret, aber auch sinnbildlich und hoffentlich über Generationen hinweg miteinander verbunden.

Womit wir wieder bei Sinn und Sinnlichkeit angekommen wären.

Absolut. Uns geht es darum, beziehungsorientiert zu wirtschaften und Produkte zu schaffen, die auf verschiedene Weise Verbindung realisieren. Wir verwenden hochwertige Reststoffe, die sonst im Müll landen würden, und kombinieren sie mit Materialien, deren Lieferkette man nachverfolgen kann. Das zu realisieren ist, glaube ich, sehr relevant. Zu überlegen, wie man Kreislaufwirtschaft hinbekommen kann und zugleich eine Qualität schafft, die die Zeit überdauert und so unserer Wegwerfgesellschaft etwas entgegensetzt.

Auch als Initiator der TALER & TALAR Konferenz willst du zusammenbringen, nämlich Kirche und Wirtschaft.

Mir geht es darum, Wirtschaftssinn und Ethik zusammenzubringen und gemeinsam zu beobachten, welche Dilemmata bleiben. Vor der dritten Konferenz war ich übrigens kurz davor aufzuhören. Die ersten beiden Ausgaben waren kraftvoll, aber wirtschaftlich ergaben sie keinen Sinn. Die Ratgeber waren gespalten, die Zahlen sagten: Lass es. Ich habe es einfach nicht übers Herz gebracht, abzusagen. Manche Entscheidungen lassen sich mit keiner Kennzahl rechtfertigen. Sie liegen tiefer als jeder Business Case. Heute ist die Konferenz im September Wochen vorher ausverkauft. Aber der Weg blieb schmal, und Berufung lässt sich nun mal schlecht in Excel abbilden.

Wir sprechen mit der Konferenz vor allem Führungskräfte und Unternehmer an. Da erlebe ich viel Sehnsucht: Was steht hinter dem Erfolg? Was gibt es Größeres als KPIs? Und Volkenroda als Veranstaltungsort tut sein Übriges. Allein das klösterliche Leben löst eine Resonanz aus, die kein Tagungshotel je hervorbringen würde.

Dein Hauptsteckenpferd als Unternehmensberater ist die Markenentwicklung. Welche Rolle spielt Verbundenheit hier?

Markenführung ist im Kern Seelsorge. Wer die Marke führt, führt das Wesen der Organisation. Er entscheidet, wie das Unternehmen sich versteht und wie es verstanden wird. In vielen Unternehmen wird die Marke aber wie eine Fassade behandelt. Logo, Farben, Claim, Kampagne. Etwas, das die Agentur liefert und das auf der Website versandet. Und dann wundert sich die Geschäftsführung, warum die Kultur nicht trägt und gute Leute gehen.

Echte Markenführung gestaltet das Beziehungsgeschehen als Ganzes. Wer sind wir als Unternehmen? Wem können wir wirklich helfen? Es geht nicht darum, den Kunden einfach als König zu deklarieren und ihn so zum Tyrannen des gesamten Unternehmens zu machen. Es geht um echte Begegnung.

Gleichzeitig leben Marken von einer stimmigen internen Kultur, die das fördert, wofür sie nach außen stehen. Innenleben und Außenleben gehören zusammen. Wer Kunden nur als Zielgruppe behandelt, bekommt Transaktionen. Wer sie als Gegenüber versteht, bekommt Vertrauen.

Echte Markenbeziehung ist ein Seele-zu-Seele-Geschehen. Beziehung fängt mit Liebe an. Bei der Markenführung ist das nicht anders.

Was bräuchte denn die Kirche, um wieder für mehr Menschen zur Love Brand zu werden?

Ich glaube, die Kirche ist stark im Thema Beziehungen. Themen wie Vergebung, Wiederanfänge und Liebe. Wo Menschen rund um ihren Glauben zusammenkommen, entsteht oft etwas, was nicht viel Aufwand braucht. Jesus hatte zwölf Jünger, mit denen er unterwegs war. Die haben irgendwo gemeinsam Fisch und Brot gegessen, Zeit miteinander verbracht und geredet.

Ich würde mir wünschen, dass die Kirche fokussierter von den Orten und Themen erzählt, an denen sie tatsächlich Salz und Licht sein darf. Diakonie und Caritas sind dafür starke Beispiele. Und die Kirche hat das Evangelium, die Botschaft, die keine Marke der Welt zu bieten hat. Hier darf sie verweisen auf etwas, das himmlisch ist. Bei allem Trend: Die beiden Volkskirchen in Deutschland haben noch immer über 35 Millionen Mitglieder. Welche Marke hat so ein volles CRM?

Wie können Kirche und Wirtschaft dazu beitragen, dass wieder mehr Verbundenheit entsteht, wo gesellschaftliche Gräben für Entzweiung sorgen?

Indem sie darauf hinweisen, dass man mehr zuhören darf. Das Hören ist eine Kernkompetenz. Wir brauchen Ohren, die hören, und Augen, die sich Dinge offenbaren lassen. Ich mache mich zum Empfangenden und weniger zu demjenigen, der überall Stoppschilder aufstellt und sich abgrenzt. Im Hören und Sehen kann man lernen, anderen Menschen zu begegnen, so wie Jesus das getan hat. Er ist zu den Reichen wie zu den Armen und Ausgestoßenen gegangen. Die christliche Botschaft ist: Wir sind alle Sünder. Es ist heilsam zu wissen: Okay, irgendwas ist auch bei mir krank, ich brauch den Arzt, wie es im Evangelium heißt. Weder ich noch meine Partei oder meine Art des Wirtschaftens sind die einzig wahren Ausprägungen. Demut kann uns wieder zusammenbringen. Wir brauchen eine wechselseitige Form von Vergebung, und zwar täglich, so wie Christen es im Vaterunser beten. Damit kann viel wieder heil werden.