Tobias Siebel

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Essay

Wer sich aufopfert, produziert Opfer

Barmherzigkeit sieht den Menschen. Opferkult sieht die Funktion.

Da ist der Gründer, der alles gibt. Für die Vision. Für das Team. Für den nächsten Meilenstein. Er nennt es Hingabe. Ist ja nur eine Phase.

Da ist die Führungskraft, die sich verausgabt. Grenzenlos. Für die Sache, für das Erbe, für den Herrn. Doch die Kinder spüren eine Leerstelle.

Opferbereitschaft ist eine Tugend. Bis sie zur Droge wird. Sie macht uns blind für das, was wir den Menschen um uns herum zumuten. Die Glaubenssätze, die uns treiben, sind oft alles andere als befreiend. Frucht, die wirklich bleibt, bringen sie nicht.

Barmherzigkeit will ich. Keine Opfer. Das sagt Jesus den Pharisäern. Wer das nicht begreift, hat es nicht verstanden. Barmherzigkeit sieht den Menschen. Opferkult sieht die Funktion. Barmherzigkeit stärkt Beziehung. Opferkult stärkt die Abwertung.

Ein einfacher Gradmesser für jede Entscheidung: Stärkt das, was ich gerade tue, die Beziehung zu den Menschen um mich herum? Oder füttere ich ein System, das kurzfristige Ergebnisse über Kultur stellt?

Hustle Culture feiert das Opfer. Die durchgearbeitete Nacht. Die verpasste Schulaufführung. Den Stolz, der sagt: Ich habe alles gegeben. Die Frage ist: Wem hast du es gegeben? Und wie vielen hast du es genommen?

Barmherzigkeit ist kein Weichspüler. Sie ist das Härteste, was es gibt. Jesus schickt die Pharisäer weg. Barmherzigkeit verlangt, dass wir hinschauen. Auf Gott. Auf uns selbst. Auf unsere Nächsten. Auf die Spuren, die unser Einsatz hinterlässt.